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Stahlwerkstoffe verstehen: Schweißeignung, Vorwärmen und typische Fehler

Ein Stapel Edelstahlrohre

„Stahl ist Stahl“ klingt einfach, stimmt in der Praxis aber nicht. Zwischen einem gut schweißbaren Baustahl und einem hochfesten Vergütungsstahl liegen enorme Unterschiede. Wer Schweißfehler, Kaltrisse oder aufwendige Nacharbeiten vermeiden möchte, sollte die Werkstoffbezeichnung richtig lesen können.

Das Wichtigste in Kürze

  • S235 und S355 sind die Standardstähle im Metall- und Stahlbau.
  • Der Kohlenstoffgehalt entscheidet maßgeblich über die Schweißbarkeit.
  • Je höher der Kohlenstoffanteil, desto größer die Gefahr von Kaltrissen.
  • Vorwärmen reduziert Spannungen und verhindert Aufhärtungen.
  • Automatenstähle sind grundsätzlich nicht zum Schweißen geeignet.
  • Bei unbekannten Werkstoffen und tragenden Bauteilen niemals vermuten oder raten.

Stahlbezeichnungen richtig lesen

Die Werkstoffkennzeichnung liefert bereits viele Informationen über die Eigenschaften eines Stahls.

Baustähle

S235JR

Bedeutung:

  • S = Stahl für den Stahlbau
  • 235 = Mindeststreckgrenze von 235 N/mm²
  • JR = Kerbschlagarbeit von 27 Joule bei +20 °C

S355J2

Bedeutung:

  • S = Stahlbau
  • 355 = Mindeststreckgrenze von 355 N/mm²
  • J2 = Kerbschlagarbeit von 27 Joule bei -20 °C

Bedeutung der Zusatzkennungen

Kennung Kerbschlagarbeit
JR 27 J bei +20 °C
J0 27 J bei 0 °C
J2 27 J bei -20 °C
K2 40 J bei -20 °C

Je höher die Anforderungen an die Zähigkeit bei niedrigen Temperaturen, desto hochwertiger ist in der Regel auch der Werkstoff hergestellt.


Weitere Zusätze

+N

Normalgeglüht.


+M

Thermomechanisch gewalzt.


+AR

Wie gewalzt.


Weitere häufige Stahlbezeichnungen

C-Stähle

Beispiele:

  • C22
  • C45
  • C60

Die Zahl gibt den Kohlenstoffgehalt in Hundertstel Prozent an.

Beispiel

C45 enthält:

0,45 % Kohlenstoff

Damit liegt der Kohlenstoffgehalt deutlich höher als bei einem normalen Baustahl.


Vergütungsstähle

Typische Vertreter:

  • 42CrMo4
  • 25CrMo4

Eigenschaften:

  • Hohe Festigkeit
  • Gute Verschleißbeständigkeit
  • Deutlich anspruchsvollere Schweißbarkeit

Automatenstähle

Beispiele:

  • 11SMn30
  • 9SMn28

Das „S“ steht hier für:

Schwefel

Der erhöhte Schwefelgehalt verbessert die Zerspanbarkeit, verschlechtert aber die Schweißbarkeit massiv.


Edelstahl

Beispiel:

X5CrNi18-10

Werkstoffnummer:

1.4301

Besser bekannt als:

V2A-Edelstahl


Werkstoffnummern verstehen

Häufig werden statt der Kurznamen Werkstoffnummern verwendet.

Werkstoffnummer Bezeichnung
1.0038 S235JR
1.0577 S355J2
1.4301 X5CrNi18-10

Kohlenstoff: der entscheidende Faktor

Kohlenstoff bestimmt maßgeblich die Härtbarkeit eines Stahls.

Beim Schweißen erwärmt sich der Werkstoff lokal und kühlt anschließend wieder ab.

Je höher der Kohlenstoffgehalt:

  • desto stärker härtet die Wärmeeinflusszone aus
  • desto spröder wird der Werkstoff
  • desto größer wird die Rissgefahr

Der Kaltriss

Der klassische Schweißriss entsteht häufig nicht während des Schweißens.

Sondern:

Stunden nach dem Schweißen.

Ursachen:

  • Aufgehärtete Wärmeeinflusszone
  • Wasserstoff im Werkstoff
  • Hohe Eigenspannungen

Schweißbarkeit nach Kohlenstoffgehalt

Unter 0,22 % Kohlenstoff

Im Allgemeinen:

Gut schweißbar

Typische Vertreter:

  • S235
  • S355

0,22 % bis 0,45 %

Nur bedingt schweißbar.

Oft notwendig:

  • Vorwärmen
  • Kontrollierte Abkühlung

Beispiel:

  • C35
  • C45

Über 0,45 %

Schwierig schweißbar.

Erforderlich sind häufig:

  • Vorwärmung
  • Wärmenachbehandlung
  • Langsame Abkühlung

Beispiel:

  • C60

Das Kohlenstoffäquivalent (CEV)

Nicht nur Kohlenstoff beeinflusst die Schweißbarkeit.

Auch Legierungselemente wie:

  • Mangan
  • Chrom
  • Molybdän
  • Vanadium

fördern die Aufhärtung.

Deshalb wird häufig das:

Kohlenstoffäquivalent (CEV)

herangezogen.

Dieses ist in der Regel dem Werkszeugnis zu entnehmen.


Vorwärmen: das wichtigste Hilfsmittel

Vorwärmen reduziert die Gefahr von Kaltrissen erheblich.


Vorteile des Vorwärmens

Langsamere Abkühlung

Die Wärmeeinflusszone härtet weniger stark aus.


Wasserstoffabbau

Aufgenommene Feuchtigkeit kann leichter entweichen.


Weniger Spannungen

Das Bauteil zieht sich gleichmäßiger zusammen.


Wovon hängt die Vorwärmtemperatur ab?

Die erforderliche Temperatur wird beeinflusst durch:

  • Kohlenstoffäquivalent
  • Werkstoffgruppe
  • Materialstärke
  • Wärmeeinbringung
  • Zusatzwerkstoff
  • Bauteilgeometrie
  • Einspannung

Wichtig

Eine pauschale Temperatur gibt es nicht.

Maßgeblich sind:

  • Herstellerangaben
  • Schweißanweisungen (WPS)
  • DIN EN 1011-2

Praktische Regeln beim Vorwärmen

Gleichmäßig erwärmen

Nicht nur die Nahtstelle selbst.

Auch der umliegende Bereich muss ausreichend erwärmt werden.


Temperatur messen

Verwenden:

  • Temperaturmessstifte
  • Kontaktthermometer
  • Pyrometer

Nicht nach Farbe schätzen.


Temperatur halten

Während des gesamten Schweißvorgangs sollte die geforderte Vorwärmtemperatur eingehalten werden.


Feuchtigkeit entfernen

Selbst bei gut schweißbaren Baustählen sollte Feuchtigkeit beseitigt werden.

Denn:

Feuchtigkeit bedeutet Wasserstoff.

Und Wasserstoff bedeutet Kaltrissgefahr.


Die wichtigsten Stähle in der Praxis

S235JR

Schweißbarkeit

Sehr gut.

Vorteile

  • Unkompliziert
  • Robust
  • Kaum Vorwärmung erforderlich

Standardwerkstoff im allgemeinen Metallbau.


S355J2 / S355K2

Schweißbarkeit

Gut.

Besonderheiten

Mit steigender Materialstärke sollte Vorwärmen geprüft werden.


Feinkornbaustähle (S460, S690)

Schweißbarkeit

Grundsätzlich gut.

Achtung

Zu hohe Wärmeeinbringung zerstört das Feinkorngefüge.

Dadurch sinkt die Festigkeit dauerhaft.


Thermomechanisch gewalzte Stähle (+M)

Sehr leistungsfähige Stähle mit guten Eigenschaften.

Sie reagieren empfindlich auf:

  • Überhitzung
  • Flammrichten
  • Übermäßige Wärmeeinbringung

C45 und C60

Nur bedingt schweißbar.

Erforderlich:

  • Vorwärmung
  • Langsame Abkühlung

Vergütungsstahl 42CrMo4

Schwieriger Werkstoff.

Oft erforderlich:

  • Vorwärmung
  • Kontrollierte Abkühlung
  • Wärmenachbehandlung

Der ursprüngliche Vergütungszustand geht im Nahtbereich verloren.


Automatenstähle

Beispiel:

  • 11SMn30

Schweißbarkeit

Praktisch nicht schweißbar.

Ursache

Der hohe Schwefelanteil erzeugt Heißrisse.


Federstähle

Schweißen ist meist nicht sinnvoll.

Die Federwirkung geht im Nahtbereich verloren.


Verschleißfeste Stähle

Mit Einschränkungen schweißbar.

Herstellerangaben sind zwingend zu beachten.


Wetterfeste Stähle (Corten)

Gut schweißbar.

Für gleichmäßige Patinabildung sollten passende Zusatzwerkstoffe verwendet werden.


Verzinkter Stahl

Grundsätzlich schweißbar.

Vor dem Schweißen:

  • Zink im Nahtbereich entfernen
  • Für Absaugung sorgen

Werkstoffgruppen bei Schweißerprüfungen

Für die Qualifizierung werden Stähle in Gruppen eingeteilt.

Grob zusammengefasst:

Gruppe 1

  • S235
  • S355

Gruppe 2

Normalgeglühte Feinkornbaustähle


Gruppe 3

Höherfeste Vergütungsstähle


Gruppe 8

Austenitische Edelstähle


Unbekannten Stahl bestimmen

In Reparaturbetrieben ein häufiger Fall.


Funkenprobe

Kohlenstoffreicher Stahl

  • Viele Verzweigungen
  • Helle Funken

Hochlegierte Stähle

  • Kürzere Funken
  • Weniger Verzweigungen

Magnetprobe

Magnetisch

  • Baustahl
  • Ferritischer Edelstahl

Kaum magnetisch

  • Austenitischer Edelstahl

Feilprobe

Liefert Hinweise auf die Härte.


Klangprobe

Stahl

Heller Klang.

Guss

Dumpfer Klang.


Wichtig

Diese Methoden liefern nur Hinweise.

Bei:

  • Tragenden Bauteilen
  • Sicherheitsrelevanten Komponenten
  • Hochfesten Werkstoffen

ist eine Werkstoffanalyse erforderlich.


Warnsignale beim Schweißen

Folgende Anzeichen deuten auf einen kritisch schweißbaren Werkstoff hin:

  • Naht reißt beim Abkühlen
  • Knackgeräusche nach dem Schweißen
  • Sehr harte Wärmeeinflusszone
  • Schwierige Bearbeitung neben der Naht

Dann sollten Maßnahmen wie Vorwärmen oder eine Werkstoffanalyse geprüft werden.


Die richtige Vorbereitung

Vor dem Schweißen:

✅ Walzhaut entfernen

✅ Rost entfernen

✅ Zunder entfernen

✅ Lack entfernen

✅ Öl und Fett entfernen

✅ Beschichtungen nur dann belassen, wenn sie ausdrücklich als überschweißbar freigegeben sind

Mindestens etwa 20 mm neben der späteren Schweißnaht reinigen.


Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen S235 und S355?

Der wesentliche Unterschied ist die Streckgrenze.

  • S235 = 235 N/mm²
  • S355 = 355 N/mm²

S355 besitzt eine höhere Tragfähigkeit, reagiert aber empfindlicher auf Kaltrisse.


Muss ich S355 vorwärmen?

Nicht grundsätzlich.

Mit zunehmender Materialstärke und höherem Einspanngrad sollte die Vorwärmtemperatur geprüft werden.


Warum reißt die Naht erst Stunden später?

Typische Ursache:

Wasserstoffinduzierte Kaltrisse

Begünstigt durch:

  • Feuchtigkeit
  • Rost
  • Hohe Härte
  • Hohe Eigenspannungen

Kann ich C45 schweißen?

Ja.

Allerdings nur mit geeigneter Vorbereitung:

  • Vorwärmen
  • Langsame Abkühlung
  • Geeignete Zusatzwerkstoffe

Woran erkenne ich Automatenstahl?

Typische Bezeichnungen:

  • 11SMn30
  • 9SMn28

Außerdem lässt sich Automatenstahl oft besonders leicht zerspanen.

Zum Schweißen ist er nicht vorgesehen.


Passende Zusatzwerkstoffe

Für unlegierte, niedriglegierte, hochfeste oder wetterfeste Stähle sollten immer Zusatzwerkstoffe verwendet werden, die hinsichtlich Festigkeit und Zulassung zum Grundwerkstoff passen.

Wenn du unsicher bist, welcher Zusatzwerkstoff für deinen Stahl geeignet ist oder ob ein Werkstoff vorgewärmt werden muss, beraten wir dich gerne aus Stuhr bei Bremen.

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Autor

Dennis Haberland

Als Ansprechpartner für Fachhändler, Handwerksbetriebe und Industrieunternehmen setzt er sich intensiv mit Schweißgeräten, Schweißzubehör, Arbeitsschutz und den Anforderungen moderner Werkstätten auseinander.

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