Schweißerschutzkleidung: Normen, Klassen und die richtige Auswahl
Schweißerschutzkleidung wird oft nach Verfügbarkeit oder Preis ausgewählt. Dabei ist die Auswahl deutlich einfacher, wenn man die relevanten Normen kennt. Entscheidend sind vor allem die Schutzklasse nach EN ISO 11611 und die passende Ausstattung für das jeweilige Schweißverfahren.
Das Wichtigste in Kürze
- EN ISO 11611 ist die maßgebliche Norm für Schweißerschutzkleidung.
- Klasse 1 eignet sich für geringe Spritzer- und Wärmebelastung.
- Klasse 2 ist für hohe Belastungen durch Schweißspritzer und Strahlungswärme vorgesehen.
- Normale Polyesterkleidung ist ungeeignet, da sie schmilzt und mit der Haut verkleben kann.
- Schweißhandschuhe nach EN 12477 sollten passend zum Verfahren gewählt werden.
- Kein Weichspüler verwenden, da er die Schutzwirkung beeinträchtigen kann.
- Öl- und fettdurchtränkte Kleidung bleibt brandgefährlich, auch wenn sie zertifiziert ist.
Warum normale Arbeitskleidung nicht ausreicht
Beim Schweißen treffen glühende Metallspritzer mit mehreren hundert Grad Celsius auf die Kleidung.
Polyester und Kunstfasern
Kunstfasern schmelzen bei Hitzeeinwirkung.
Folgen:
- Material verklebt mit der Haut
- Tiefere Verbrennungen
- Erschwerte medizinische Behandlung
Aus diesem Grund ist normale Funktionskleidung beim Schweißen ungeeignet.
Unbehandelte Baumwolle
Baumwolle schmilzt zwar nicht, kann aber weiterbrennen, nachdem sie durch einen Schweißspritzer entzündet wurde.
Daher gilt:
Baumwolle ist besser als Polyester, aber keine vollständige Schweißerschutzkleidung.
Flammhemmende Materialien
Speziell ausgerüstete Gewebe reagieren anders:
- Das Material verkohlt lokal
- Die Flamme breitet sich nicht weiter aus
- Das Gewebe löscht sich selbst
Genau dafür sind zertifizierte Schutzkleidungen ausgelegt.
Auch die Unterwäsche zählt
Die Schutzwirkung endet nicht bei der Jacke.
Unter zertifizierter Schweißerschutzkleidung sollte getragen werden:
- Baumwollunterwäsche
- Baumwollshirts
Vermeiden:
- Polyester-Shirts
- Funktionsunterwäsche aus Kunstfasern
Schmilzt die Kleidung unter der Schutzkleidung, verliert der äußere Schutz einen großen Teil seiner Wirkung.
EN ISO 11611: Klasse 1 oder Klasse 2?
Die Norm EN ISO 11611 unterscheidet zwei Schutzklassen.
Klasse 1
Für geringe Belastungen durch:
- Schweißspritzer
- Strahlungswärme
Typische Anwendungen:
- WIG-Schweißen
- MIG/MAG mit niedrigen Strömen
- Arbeiten in Wannenlage
- Leichte Schweißarbeiten
Klasse 2
Für höhere Belastungen ausgelegt.
Typische Anwendungen:
- MAG-Schweißen mit hohen Strömen
- CO₂-intensive Prozesse
- Fülldrahtschweißen
- Elektrodenschweißen (E-Hand)
- Überkopfschweißen
- Arbeiten in engen Bereichen
- Plasmaschneiden
Einfache Auswahlregel
Klasse 1 reicht meist aus für:
- WIG
- Leichte MIG/MAG-Arbeiten
- Geringe Spritzerbelastung
Klasse 2 sollte gewählt werden bei:
- Fülldraht
- E-Hand
- Hoher Stromstärke
- Überkopfarbeiten
- Starker Spritzerbelastung
Multinorm-Kleidung
In vielen Betrieben treten mehrere Gefährdungen gleichzeitig auf.
Dafür gibt es Multinorm-Kleidung.
Häufige Zusatznormen
| Norm | Schutzbereich |
|---|---|
| EN ISO 11611 | Schweißarbeiten |
| EN ISO 11612 | Hitze und Flammen |
| EN 1149-5 | Elektrostatische Aufladung |
| IEC 61482 | Lichtbogengefahren |
| EN 13034 | Begrenzter Chemikalienschutz |
| EN ISO 20471 | Warnschutz |
Vorteile
Multinorm-Kleidung kombiniert mehrere Schutzfunktionen in einem Kleidungsstück.
Das ist besonders sinnvoll für:
- Baustellen
- Anlagenbau
- Außeneinsätze
- Industriemontagen
Achtung bei Warnwesten
Eine normale Warnweste über der Schweißerkleidung kann die Schutzwirkung aufheben.
Wenn Warnschutz erforderlich ist:
Nur flammhemmende Warnschutzkleidung verwenden.
Leder oder Gewebe?
Spaltleder
Vorteile:
- Sehr widerstandsfähig
- Hoher Schutz gegen Schweißspritzer
- Gute mechanische Belastbarkeit
Nachteile:
- Schwer
- Wenig atmungsaktiv
- Auf Dauer unbequem
Einsatzbereiche
Ideal als zusätzlicher Schutz:
- Lederschürze
- Armstulpen
- Gamaschen
Flammhemmend ausgerüstete Baumwolle
Vorteile:
- Angenehm zu tragen
- Kostengünstig
Nachteile:
- Schutzwirkung kann durch häufiges Waschen nachlassen
- Herstellerangaben zur Waschzahl beachten
Aramid- und Mischgewebe
Vorteile:
- Dauerhaft flammhemmend
- Schutzwirkung wäscht sich nicht heraus
- Leichter als Leder
- Hohe Lebensdauer
Nachteile:
- Höherer Anschaffungspreis
Für den täglichen professionellen Einsatz häufig die wirtschaftlichste Lösung.
Schweißhandschuhe nach EN 12477
Die Norm unterscheidet zwei Handschuhtypen.
Typ A
Eigenschaften:
- Hoher Hitzeschutz
- Hohe mechanische Widerstandsfähigkeit
- Geringere Fingerfertigkeit
Geeignet für:
- MAG
- E-Hand
- Fülldraht
- Plasmaschneiden
Typ B
Eigenschaften:
- Hohe Beweglichkeit
- Gute Fingerfertigkeit
- Geringerer Wärmeschutz
Geeignet für:
- WIG-Schweißen
Praxis
Wer regelmäßig verschiedene Verfahren nutzt, sollte beide Handschuhtypen besitzen.
Ein WIG-Handschuh ist beim Fülldrahtschweißen schnell überfordert.
Ein MAG-Handschuh erschwert dagegen präzises WIG-Schweißen unnötig.
Weitere Anforderungen
- Lange Stulpen
- Hitzebeständige Nähte
- Keine feuchten Handschuhe verwenden
- Verschlissene Handschuhe rechtzeitig ersetzen
Die richtigen Sicherheitsschuhe
Schweißerschuhe sollten besitzen:
- Geschlossene Lasche
- Hitzebeständige Sohle
- Zehenschutzkappe
- Möglichst verdeckte Schnürung
Warum die Lasche wichtig ist
Offene Schuhzungen sammeln Schweißspritzer.
Heiße Metallpartikel im Schuh zählen zu den häufigsten Verletzungen beim Schweißen.
Sinnvolle Zusatzausrüstung
Je nach Tätigkeit sinnvoll:
Lederschürze
Für:
- Sitzende Arbeiten
- Positionen mit vielen Spritzern
Armstulpen
Ergänzen den Schutz an den Armen.
Gamaschen
Besonders wichtig bei:
- Überkopfarbeiten
- Plasmaschneiden
Kopfhaube oder Nackenschutz
Verhindert:
- Funken im Kragen
- Verbrennungen im Nackenbereich
Gehörschutz
Empfohlen bei:
- Fülldrahtschweißen
- Plasmaschneiden
Schutzbrille
Auch unter dem Schweißhelm sinnvoll.
Unverzichtbar bei:
- Schlacke entfernen
- Schleifen
- Arbeiten mit hochgeklapptem Helm
Die häufigsten Fehler
1. Kunstfaser unter Schutzkleidung
Einer der häufigsten und gefährlichsten Fehler.
2. Hosenumschläge
Sie sammeln Schweißspritzer direkt an der Kleidung.
3. Offene Taschen
Heiße Metallpartikel bleiben darin liegen.
4. Offene Schuhlaschen
Begünstigen Verbrennungen an den Füßen.
5. Schmuck tragen
Problematisch sind:
- Ringe
- Armbanduhren
- Armbänder
Sie können:
- Strom leiten
- Wärme speichern
- Schwere Verbrennungen verursachen
6. Hochgekrempelte Ärmel
Beliebter Fehler im Sommer.
Unbedeckte Haut reicht für Verbrennungen bereits durch einzelne Schweißspritzer.
7. Öl- und Fettverschmutzungen
Öl brennt unabhängig von der Schutzklasse der Kleidung.
8. Weichspüler verwenden
Kann die flammhemmende Wirkung beeinträchtigen.
9. Beschädigte Kleidung weitertragen
Löcher, Risse und verkohlte Stellen schützen nicht mehr zuverlässig.
10. Normale Warnweste über der Schutzkleidung
Hebt die Schutzwirkung häufig auf.
Pflege von Schweißerschutzkleidung
Waschen
- Herstellerangaben beachten
- Zulässige Temperaturen einhalten
- Maximale Waschzyklen berücksichtigen
Vermeiden
- Weichspüler
- Bleichmittel
- Nicht freigegebene Imprägnierungen
Kleidung ersetzen bei
- Löchern
- Verkohlungen
- Beschädigten Nähten
- Starken Öl- oder Fettverschmutzungen
Kennzeichnungen erhalten
Normetiketten sollten lesbar bleiben.
Nur so lässt sich die Schutzklasse eindeutig nachweisen.
Elektrische Sicherheit
Beim Schweißen ist der Schweißer Teil eines Stromkreises.
Deshalb:
- Kleidung trocken halten
- Handschuhe trocken halten
- Nicht auf nassem Untergrund arbeiten
- Isolierende Unterlagen verwenden
- Brenner nicht unter den Arm klemmen
- Elektrodenhalter nicht auf dem Werkstück ablegen
Häufige Fragen
Reicht ein Baumwoll-Blaumann?
Nein.
Baumwolle ist zwar besser als Polyester, erfüllt aber ohne entsprechende Ausrüstung keine Anforderungen an Schweißerschutzkleidung.
Wann brauche ich Klasse 2?
Bei:
- Fülldraht
- E-Hand
- Hohen Strömen
- Überkopfschweißen
- Engen Arbeitsbereichen
Wie lange hält Schweißerschutzkleidung?
Bis:
- Die zulässige Waschzahl erreicht ist
- Löcher entstehen
- Verkohlungen auftreten
- Die Schutzwirkung nicht mehr gewährleistet werden kann
Brauche ich als Hobbyschweißer zertifizierte Kleidung?
Gesetzlich bestehen andere Anforderungen als im gewerblichen Bereich.
Die Verletzungsgefahr bleibt jedoch dieselbe.
Deshalb ist auch im Hobbybereich zertifizierte Schutzkleidung empfehlenswert.
Was ist mit Bart und Atemschutz?
FFP2- und FFP3-Masken dichten bei Bart häufig nicht ausreichend ab.
Für Bartträger sind gebläseunterstützte Schweißhelme oft die bessere Lösung.
Passende Ausrüstung
Schweißerschutzkleidung der Klassen 1 und 2, Multinorm-Kleidung, Handschuhe nach EN 12477 Typ A und B, Lederschürzen, Armstulpen, Gamaschen sowie geeignete Sicherheitsschuhe gehören zur Grundausstattung jedes Schweißarbeitsplatzes.
Wenn du unsicher bist, welche Schutzklasse für dein Schweißverfahren sinnvoll ist, beraten wir dich gerne aus Stuhr bei Bremen.
Dieser Beitrag bietet einen praxisnahen Überblick über die relevanten Normen und ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung des jeweiligen Arbeitsplatzes.